“Darf ich dir Schuhe vorschlagen?”
Meine Privatschülerin hat mir Schuhe vorgeschlagen, damit ich keine kalten Füße bekomme. Später im Gespräch meinte sie, die Volkshochschulen würden viele Sprachkurse vorschlagen. Bei der Erklärung, warum es “anbieten” heißen muss, bin ich ganz schön ins Schwimmen geraten, deswegen hier die offiziellen Erklärungen aus dem “Deutschen Universalwörterbuch” von 2001 (die relevanten Definitionen sind fett gedruckt):
vorschlagen:
a) jmdm. einen Plan empfehlen od. einen Gedanken zu einer bestimmten Handlung an ihn herantragen
b) jmdn. für etw. als infrage kommend benennen, empfehlen
anbieten:
1. a) jmdm. etw. zur Verfügung stellen u. seine Bereitschaft dazu erkennen lassen, zeigen
b) sich für einen bestimmten Zweck bereithalten, zur Verfügung stellen
c) zum Essen, Trinken o.Ä. reichen
d) zur Wahl stellen, bereithalten
2. a) vorschlagen; anregen
b) einen Handel voschlagen, ein Angebot machen, offerieren
c) (ein Amt) antragen
3. a) in Betracht kommen, nahe liegen
b) geeignet sein zu etw.
Ok, das ist alles verständlich, aber so wirklich deutlich wird der Unterschied nicht. Man kann jemandem einen Spaziergang vorschlagen, ja, man kann sogar einen Kurs vorschlagen. Aber die VHS bietet Kurse an. Und ein Glas Wasser und eben Schuhe werden auch angeboten. Hm…
Also wieder nur “Das ist eben so.” als Antwort? Das muss doch noch anders gehen!
Samstag 10. April 2010 um 21:54
Ich glaube, das Problem liegt wieder mal am Kontext und ich denke, man kann es auf diese Weise auch am besten vermitteln.
Dass es “Kurse anbieten” heissen muss, liegt ja nur an der konkreten Äusserungsabsicht. Deine Schülerin wollte ja nicht sagen, dass die VHS ihr eine Auswahl von Kursen (z.B. spezifisch auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten) “empfohlen” hat, sondern dass die VHS Kurse “zur Wahl stellt” bzw. “bereithält” (1 b). Diese Bedeutungskomponente hat vorschlagen einfach nicht und deshalb passt das Wort im gegebenen Äusserungskontext nicht.
Beim Anbieten im Sinn von 2 kommt meiner Ansicht nach noch hinzu, dass der Anbietende über das, was er anbietet, verfügen können muss und wenn mir die Schuhe gehören, kann ich sie folglich auch zum Verkauf anbieten. Vorschlagen kann ich auch Sachen, die ich nicht anbiete.
Soweit meine Sicht der Dinge
Dienstag 13. April 2010 um 10:53
Danke für Deine ausführliche Antwort. “Das ist kontextabhängig” ist tatsächlich eine häufige Erklärung. Aber mir als Sprachlerner geht es selbst auch so, dass mir das nicht reicht. Ich will wirklich verstehen, warum, um sicher zu sein in der Verwendung bestimmter Wörter.
Aber das liegt wohl bei mir auch an dem Wunsch Fehler unbedingt vermeiden zu wollen. Das bringt mich auf die Idee für einen neuen Artikel: Der Sinn von Fehlern und warum sie trotzdem so einen schlechten Ruf haben
Dienstag 13. April 2010 um 20:04
Ich finde aber tatsächlich nicht, dass “kontextabhängig” eine Art Ausrede ist – sofern man den Kontext erklären kann. Das Problem ist nur, dass das gerade die Krux ist, zumindest für mich. Oft lande ich bei einer Korpussuche und nicht selten hilft mir das tatsächlich. Der Haken dabei ist allerdings, dass das ganz schon zeitaufwendig ist. Aber wofür hat man Hobbys