Für alle Fälle gerüstet: die Lehrertasche

Gestern hab ich erst über den krummen Rücken von schweren Lehrertaschen geschrieben und schon heute zahlt es sich aus, was man alles so in seiner Tasche herumträgt:
Gegen meinen Hustenreiz half ein Salbeibonbon und der Kursteilnehmerin, die sich geschnitten hatte, ein Heftpflaster. Die Frau von der Ausländerbehörde brauchte ein Taschentuch und dass die rote Kreide alle war – kein Problem, ein paar Notstücke hat man doch immer dabei.
Da fiel mir wieder eine Geschichte ein, die ich vor Jahren auf einer Studentenkonferenz in Dresden gehört hatte: “Die Tasche einer Dozentin” von Dorothea Spaniel. Ich wette, viele Lehrer/innen (wobei ich mir sicher bin, dass Frauen immer noch ein bißchen besser ausgerüstet sind) können das sehr gut nachempfinden.

Da steht sie, wie jeden Morgen. Wieviel Kilo wird sie heute wiegen? Ob sie den heutigen Tag überhaupt noch überleben wird? Oder wird der „Boden unter ihren Füßen“ durchbrechen? Kann dieses Buch noch hinein? Vielleicht sollte ich die Wasserflasche doch lieber in die Hand nehmen. Viele Fragen, aber keine Antwort?
Da steht sie, wie jeden Morgen – die gepackte Tasche und wartet. Sie ist aus Leder und passt damit nur selten zur Farbe der Kleidung ihrer Trägerin und noch seltener zum Make-up. Sie hat weder das Design einer schnittigen Laptop-Tasche noch lässt sie sich bequem als Rucksack auf dem Rücken tragen oder als Fahrradtasche festbinden.
Sage mir, welche Tasche du trägst und ich sage dir, wer du bist. Ein grauer Aktenkoffer hat in der Regel etwas mit Unternehmenskommunikation zu tun, ein Rucksack in trauter Begleitschaft einer schwarzen Lederumhängetasche etwas mit einem Hundeliebhaber, ein weinroter Nylonbeutel etwas mit kulinarischen Genüssen, der Pappkarton im Leinenbeutel etwas mit Prüfungen. Aber diese Tasche ist einfach nur groß, sehr groß und bietet damit Unmengen von Büchern, Heftern, Ordnern, Arbeitsblättern, Stiften und Scheren Platz. Denn wie so oft im Leben kommt es nicht auf das Äußere, sondern das Innere einer Tasche an.
Sage mir, was du in deiner Tasche trägst und ich sage dir, wer du bist. Bereits der erste Blick in die Tasche lässt die Stirn in Falten legen: voll. Nicht einmal mehr die Packung Taschentücher passt hinein. Gleich vorn im ersten Fach liegen Kugelschreiber, Bleistifte, Rotstifte (wichtig!), Folienstifte, White Board Stifte, Textmarker, Schere, Leim, Radiergummi, aber auch Büroklammern, Holzklammern, Nasenklammern, Taschenrechner und Klebezettel friedlich beieinander. Aber die Ruhe täuscht. Wehe man sucht den Büroschlüssel in diesem Fach. Sicherheitsnadeln bohren sich in und Gummis wickeln sich verhängnisvoll um den Finger. Warum hat man ihn auch nicht in das Sicherheitsfach gesteckt. Noch lässt sich der Reißverschluss problemlos öffnen und schließen. Hier verbirgt sich alles zur ersten Hilfe: keine Kreditkarten, sondern Erfrischungstücher und Kamm, Kopf- und Halsschmerztabletten, Pflaster und Teebeutel, Notizzettel mit der Aufschrift „Nicht vergessen!“ und Kopierkarte, Kaugummis und Zahnbürste. Dieses Fach wird nur im Notfall und wenn man alleine ist geöffnet.
Und die zwei Hauptfächer? Hier befindet sich die Zeitung, die zum Umblättern die Hilfe des Nachbarn im Bus verlangt, die Bäckertüte und der Joghurt, die Postkarte von der Studentin in Ungarn, die gerade ihre ersten didaktischen Schritte geht und als begeisterte DaF-Lehrerin zurückkommt, die Belegarbeit zu einem mißlungenen Unterrichtsversuch, der Lebenslauf zur Referenz der Studentin, die nach Australien gehen möchte, die Anfrage des amerikanischen Professors, der über den Internetauftritt des Lehrbereiches auf Dresden gestoßen ist und eine Zusammenarbeit wünscht, das Praktikumsangebot beim Verein der Vietnamesen in Dresden, der Aushang für die nächste Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde der deutschen Sprache, die Fotos der letzten Konferenz, das zusammengeschnittene Übungsblatt für die Deutschstunde, die Kopiervorlage für den Seminarordner, der Fragebogen zum niederländischen Deutschlandbild, der Hilferuf der Studenten, deren Literatur für ein Referat in der Bibliothek als „Verlust“ eingetragen ist, das Konzept einer Magisterarbeit, die Einladung zur „Fiesta latina“ und dem Gastvortrag zu Kommunikationsfallen im lateinamerikanischen Alltag, daneben der Aufruf zur Demonstration des Studentenrates gegen den Stellenabbau an den Universitäten und nach zwei Monaten Bearbeitungszeit die Kopie des letzten Arbeitsvertrages.
Aus einem Lehrbuch fällt das Foto von Luda, Viktor, Andrej und Kata, auf der Rückseite steht „Danke“ – aus diesem Grund wird die Tasche jeden Tag neu gepackt.

4 Kommentare zu “Für alle Fälle gerüstet: die Lehrertasche”

  1. DaF-Blog » DaF-Blogosphäre: Fortsetzung sagt:

    [...] über sie habe ich leider nicht herausgefunden. Es gibt bis jetzt nur wenige Beträge, aber die Dozentinnentasche finde ich besonders schön. Daraus könnte man doch auch gleich eine Schreibaufgabe [...]

  2. admin sagt:

    Einen Didaktisierungsvorschlag zum Thema “Tascheninhalte” gibt’s auf dem “anderen” DaF-Blog unter
    http://cornelia.siteware.ch/blog/wordpress/2009/01/23/taschenprojekt

  3. NejikFans sagt:

    А это надо брать!Спасибо!

  4. Mira Gajardo sagt:

    Very good written article. It will be helpful to anyone who employess it, as well as me. Keep doing what you are doing – for sure i will check out more posts.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>